Deltaplan

Der Deltaplan

Helge Daebel, Franziska Meinzinger, Peter Vogt, Markus Ziegler

bulletEinführung
bulletHistorie und die Katastrophe von 1953
bulletDas Deltaprojekt
bulletVerändertes Umweltbewußtsein
bulletWirtschaftliche Interessen
bulletBewertung
bulletLinks

Einführung

Der Ausdruck "Delta" zur Beschreibung einer Flußmündung hat seinen Ursprung bei den alten Griechen. Diese bezeichneten die dreiecksförmige Mündung des Nils nach dem vierten Buchstaben ihres Alphabets. Unabhängig von der Form hat sich dieser Begriff als allgemeine Bezeichnung für Flußunterläufe eingebürgert.
An unserem 3. Exkursionstag (Mittwoch, 23. Mai 1999) besuchten wir im Südwesten der Niederlande  das Delta von Rhein, Maas und Schelde, die hier in den Provinzen Zeeland und Zuidholland in die Nordsee münden. Dieses Gebiet ist sowohl geschichtlich als wohl auch zukünftig von zentraler Bedeutung für die Niederländer, spiegelt es doch einen jahrtausendelangen Kampf mit dem Meer wider. Etwa  50% des gesamten Landes befinden sich unterhalb des Meeresspiegels, wobei sich dieser außerdem relativ, d.h. durch die Bodensenkung des Binnenlandes und durch den Wasserspiegelanstieg aufgrund der allgemeinen Klimaerwärmung, um ca. 20 cm pro Jahrhundert erhöht.

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Historie und die Katastrophe von 1953

Schon der römische Geschichtsschreiber Plinius der Jüngere berichtete zu Beginn unserer Zeitrechnung über die Niederlande: "Dort lebt ein unglückliches Volk auf Hügeln, besser gesagt, auf Erhebungen, die es mit eigener Kraft aufgeworfen hat." Später verband man diese Hügel durch Aufschüttungen, so daß sich insgesamt ein Ring ergab. Die erste Form eines Deiches war somit erstanden. Die trockengelegten, umschlossenen Innenräume bezeichnet man in den Niederlanden als Polder. Beim Leerpumpen dieser Gebiete wurde durch die Erfindung der Windmühlen vor ca. 600 Jahren ein bedeutender Beitrag geleistet.
Im 10. Jahrhundert ging man dann vom reinen Schutz zur Neulandgewinnung, sprich dem Deichbau an der Küstenlinie, über. Die treibenden Kräfte dieser Unternehmungen kamen von Seiten der Kirche wie auch von den reichen Handelsherren.

Die schlechten Materialien und die zu geringe Höhe der Deiche waren jedoch die Ursache, daß es trotzdem  in jedem Jahrhundert zu großen Überschwemmungen kam. Durch die immer stärkere Besiedelung und Bodennutzung der Gebiete, wie z.B. um Rotterdam, nahmen die von Menschen spürbaren Schäden natürlich von Katastrophe zu Katastrophe zu. Nicht zuletzt deshalb war wohl das Ereignis im Jahre 1953 ein so einschneidendes Kapitel in der Geschichte der Niederlande.

Am 1.Februar 1953 herrschte zusätzlich zu einer sogenannten  Springflut anhaltend starker, auflandiger Wind, so daß sich das Meer bis auf etwa 5 Meter über Normal Null aufstaute. Deiche auf einer Länge von ca. 500 km wurden ganz oder teilweise weggerissen, 1835 Menschen ertranken und 200000 ha Ackerland wurden im Deltabereich überflutet.

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Das Deltaprojekt

Der kurz nach der Katastrophe einberufenen Deltakommission erschien eine Verkürzung und stärkere Abriegelung der Küstenlinie für die Gewährleistung der zukünftigen Sicherheit am wirkungsvollsten. Diesem Vorschlag stimmte das Niederländische Parlament mit dem sogenannten Deltagesetz 1958 auch zu.

Die Küstenlinie wurde von nun an schrittweise von ehemals über 700 km auf 25 km verkürzt, was durch Dämme in vier großen Meeresarmen geschehen sollte: Veerse Gat (1961), Haringvliet (1971), Brouwershavense Gat (1972) und Oosterschelde (1986). Für die verbleibende Deichlinie wurde eine Norm von 5 Meter über NN, die sogenannte Deltahöhe, umgesetzt, so daß die gesamte südwestliche Küstenlinie der Niederlande einschließlich der Bauwerke einem 4000jährlichen Hochwasser standhalten sollte. Für die Schiffahrt sollte nur der Nieuwe Waterweg nach Rotterdam und die Westerschelde nach Antwerpen offengelassen werden.

Das erste Bauwerk wurde 1958 in Krimpen an der Hollandse Ijssel fertiggestellt: ein Sturmflutwehr mit stählernen Hubtoren schützt dort eines der dichtbesiedeltsten Gebiete der Niederlande

Bevor der Bau der "vorderen Linie" in Angriff genommen wurde, wurden im Hinterland Dämme und Absperrbauwerke errichtet: es sollten Erfahrungen über die Abriegelung größerer Meeresarme und Flußmündungen gesammelt und neue Wasserbauverfahren, wie die Verwendung von geschlossenen und offenen Senkkästen oder der Abwurf von Steinen aus einer Seilbahn zur Schkießung der Meeresarme, entwickelt werden.

1960 wurden die Inseln Noord- und Zuid-Beveland durch den Zandkreek-Damm verbunden, 1961 die Inseln Noord-Beveland und Walcheren durch den Veersegat-Damm. Dadurch wurde das Binnengewässer Veersemeer (Brackwasser) geschaffen. 1965 wurde der Grevelingen-Damm fertiggestellt, der Duiveland mit Overflakkee verbindet. Es folgt 1969 der sogenannte Hellegatsplein zwischen Overflakkee und dem Festland: die in der Mitte des Meeresarmes Volkerak liegende Sandbank wurde verstärkt und der 4,5 km lange Volkerak-Damm in westlicher Richtung nach Overflakkee, ein 3 km langer Damm mit einer gewaltigen Schleusenanlage in östlicher Richtung nach Noord-Brabant und eine fast 2 km lange Brücke nach Norden wurden gebaut.

1971 wurde der 4,5 km lange Haringvliet-Damm mit einem 17 Schleusen umfassenden Sperrwerk (Durchlassöffnung ca. 1 km) in der vorderen Linie fertiggestellt. Mit der über den Damm verlaufenden Straße wurde erstmals auch der küstenteil der Provinzen Zuid-Holland und Zeeland verbunden. Da der aus stählernen Schützen bestehende Schleusenkomplex bleibt fast immer geschlossen bleibt (er wird nur bei sehr hohem wasserstand in den Binnengewässern geöffnet), werden die Mündungsgewässer von Maas und Rhein gezwungen, nach Norden hin zum Nieuwe Waterweg abzufließen. Wegen der großen Bedeutung des Sperrwerks für den Wasserhaushalt   wird dieses auch als "Wasserhahn der Niederlande" bezeichnet. Aus dem zwischen Hellegatsplein und Haringvliet-Damm liegenden Haringvlietmeer wird ein gezeitenfreier Süßwassersee.

Mit der Vollendung des Brouwer-Damms im Jahrv 1972 wurde der westliche Teil der Insel Goeree/Overflakee mit dem südlich liegenden Schouwen verbunden. Dieser Damm ist ca. 6,5 km lang und 200 m breit. Das nun zwischen Grevelingen-Damm und Brouwer-Damm liegende Grevelingenmeer ist ein gezeitenfreier Salzwassersee, der über Spülschleusen mit der Nordsee in Verbindung steht.

Mit der Abdeichung der Oosterschelde zwischen Schouwen und Nord-Beveland sollte der Meeresarm zu einem Binnengewässer gemacht werden, was aber schließlich aufgrund eines veränderten Umweltbewußtseins unterlassen wurde. Dieser Damm hätte das gesamte ökologische System der Oosterschelde grundlegend verändert (siehe unten). Aufgrund der veränderten Planungen dauerten die Bauarbeiten  8 Jahre länger als projektiert: das 1986 fertiggestellte Sturmflutwehr Oosterschelde wurde als gewältiger Pfeilerdamm mit Schleusen errichtet, deren 62 Stahltore in der Regel immer offen stehen, damit Ebbe und Flut in der Oosterschelde erhalten bleiben. Bei einem Gezeitenhub von durchschnittlich 3 m strömen ca.1 Milliarde m³ Seewasser  bei jedem Gezeitenwechsel durch die Flutrinnen der Oosterschelde, die bis zu 40 m tief ausgewaschen sind.
In Zusammenhang mit der Baumaßnahme an der Oosterschelde seien der Markiezaatsdamm (fertiggestellt 1983), der Oesterdamm (fertiggestellt 1986) und der Philipsdamm (fertiggestellt 1987)erwähnt, die die Fläche der Oosterschelde soweit verkleinern, daß ein ausreichender Tidenhub erhalten bleibt.

Als letzten Bauwerk des Deltaplans wurde 1997 das Maeslant-Sperrwerk im Nieuwe Waterweg in Betrieb genommen. Durch dieses Sturmflutwehr werden ca. 1 Million Menschen in Rotterdam und Umgebung vor Überschwemmungen geschützt.

Neben der erhöhten Sicherheit brachten die Bauwerke aber auch andere Vorteile für die Niederländer. Die Infrastruktur der Deltaregion wurde durch die auf den Dämmen angelegten Straßen deutlich verbessert, die Versalzung im Inland ging zurück, Süßwasserbecken entstanden. Der Umweltschutz spielte in den ersten 20 Jahren des Deltaprojektes nur eine untergeordnete Rolle, Sicherheit und Witschaftlichkeit standen im Vordergrund. Dies änderte sich erst nach großen Protesten während des letzen Projektes, der völligen Abriegelung der Oosterschelde vom Gezeitenstrom.

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Verändertes Umweltbewußtsein

Neue Aspekte, die der ursprünglich geplanten vollständigen Abriegelung der Oosterschelde entgegenstehen, wecken aufgrund eines veränderten Umweltbewußtseins Diskussionsbedarf:
bullet Die Oosterschelde wird zum Süßwassersee
bullet Die weit in den Meeresarm hineinreichenden Gezeiten verschwinden; ein zeitlich unabhängiger Wasserstand ist die Folge
bullet Verlust der für dieses Ökosystem charakteristischen Tier- und Pflanzenwelt

Die über den Abbruch der Bauarbeiten verärgerten Politiker tragen mit dem Einsatz einer Kommission den veränderten Ansichten schließlich Rechnung. Ende 1974 kommt es zu einem Kompromiß: Die Idee des halboffenen Dammes ist geboren. Diese Variante sieht die Abriegelung der Oosterschelde durch herunterlassbare Schütze ab einem Wasserstand von über 3,25 m ü.NN, bei Gefahr durch Verschmutzung oder Treibeis vor. Die erhebliche Zeitverzögerung durch Neu- und Umplanungsmaßnahmen macht die Instandsetzung der schwachen Deiche entlang der Oosterschelde bis zur Realisierung des neuen Sperrwerks erforderlich.

Einige nachfolgend genannte Charakteristiken des Einzugsgebiets der Oosterschelde geben einen Eindruck der Auswirkungen einer  vollständigen Abriegelung von der Nordsee: Der starke Einfluß der Gezeiten spült sauberes, relativ warmes Nordseewasser mit hohem Salzgehalt in die Meereszunge und bietet somit gute Lebensbedingungen für eine Vielzahl von Vögeln und Fischen. Eine intakte Nahrungskette bietet mindestens 75 Fischarten einen attraktiven Lebensraum. Vögel nutzen die Oosterschelde als Durchzugsgebiet, für die Brut bietet sie ideale Bedingungen.

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Wirtschaftliche Interessen

Neben den wertvollen Naturräumen stellt die Oosterschelde eine wichtige wirtschaftliche Bedeutung für die Muschel- und Austernfischerei dar. So ist bei der halboffenen Sperrwerksvariante aus Interessen der Muschelzucht bei Yerseke ein Tidenhub von 3,20 m sicherzustellen. Eine komplizierte Anordnung von Sekundärdämmen im Landesinnern ist darüberhinaus nötig. Einerseits stoßen hier Salz- und Süßwasser unmittelbar aufeinander, andererseits muß die gezeitenfreie Durchfahrt des Schelde-Rhein-Kanals gewährleistet sein.

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Bewertung

Mit der Einweihung der Sturmflutsperrwerke an der Oosterschelde im Oktober 1986 geht zwar die Komplettierung des 12 Milliarden Gulden teuren Deltaplans einher, auf unbestimmte Zeit wird diese Maßnahme aber nicht unverwundbar sein. Der Preis, den die Natur zu zahlen hat, ist hoch: Sichtbare Veränderungen für Mensch-, Tier- und Pflanzenwelt und die künstliche Einflußnahme auf den jahrhundertealten Rhythmus von Ebbe und Flut seien hier stellvertretend erwähnt.  Der Anstieg des Meeresspiegels und die vor der Südwestküste Hollands entstehenden Sand- und Schlickbänke werfen neben anderen Aspekten nur zwei weitergehende Fragestellungen auf.

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Links

http://waterland.net/rws.hdw.a/nw4du.html

http://www.minvenw.nl/cend/dvo/international/deutsch/sehenswurdigkeiten/zien11d.htm#delta

http://waterland.net/neeltje-jans/duits/njhome1.htm